Finanzierungslösungen neu denken – Sicherstellung der Krankenhausfinanzierung in der Zeit nach COVID-19

Folgender Artikel ist im Mai 2020 im Health & Care Management Magazin erschienen:

Healthcare-Einrichtungen stehen aktuell, v.a. aber in der Zeit nach COVID-19 vor großen finanziellen Herausforderungen. Vorfinanzierungen von Forderungen in Millionenhöhe stehen an. Ob Kredit, Leasing, Crowdfunding oder Factoring: Ein Blick in den gesamten Köcher möglicher Finanzierungsinstrumente lohnt, um vorbereitet zu sein. Denn die Kompatibilität verschiedener Modelle kann viele Vorteile bieten.

Die bisherigen Auswirkungen des Coronavirus bzw. COVID-19, der für gravierende Veränderungen in unserem Zusammenleben und in der Wirtschaft sorgt, sind signifikant. Sie führen auch zu sehr viel höheren Auslastungen in Krankenhäusern und Kliniken sowie zu Problemen bei der Supply Chain. In Berlin wurde für die Zeit ab 23. März 2020 gesetzlich geregelt, dass die Krankenkassen die Rechnungen der Healthcare-Einrichtungen innerhalb von fünf Tagen bezahlen müssen. Ein wichtiger und richtiger Schritt zur Sicherung der Liquidität und Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems.

Die Einführung dieses neuen § 330 SGB V hilft den Einrichtungen in dieser schwierigen Zeit immens und kompensiert die seit diesem Jahr geltenden Änderungen und Neuerungen, die zu finanziellen Mehrbelastungen führen. Dies sind beispielsweise die Modifikationen bei der Abrechnung von Fallpauschalen und Pflegeleistungen. Darüber hinaus führen Neuverhandlungen der Tarifverträge der Ärzte zu größerem Personalbedarf und damit einhergehend zu erhöhten Kosten. Kommunale Krankenhäuser leiden vermehrt unter der oftmals unvorteilhaften Haushaltslage der Krankenhaus- und Klinikträger.

Die verkürzten Zahlungsziele sorgen bei den Krankenkassen für die Freisetzung von Liquidität in Millionenhöhe. Doch gilt es auch für das kommende Jahr 2021 vorbereitet zu sein. Für die Zeit – hoffentlich – nach Corona. Denn die gesetzliche Regelung zu einem Zahlungsziel der Krankenkassen von fünf Tagen ist bis zum 31. Dezember 2020 befristet. Sobald die Zahlungsziele wieder ihr Normalniveau erreichen, wird dies zu einem Liquiditätsbedarf von (allein kleineren) Krankenhäusern im Umfang von schnell zwei Millionen Euro je Woche verlängertes Zahlungsziel führen.
Hierbei bleiben die bestehenden Herausforderungen erhalten: Erlössteigerungen, Kostenreduktionen und Investitionserfordernisse treffen auf unzureichende Fördermittel, mangelnde Möglichkeiten der Refinanzierung sowie Fachkräftemangel.

Vor diesem Hintergrund und eingedenk der bestehenden und zukünftigen Herausforderungen ist es angebracht und notwendig, die Finanzierung von Healthcare-Einrichtungen neu zu denken. Dabei ist wichtig zu wissen, dass sich Finanzinstitute – unabhängig von der Art der von ihnen angebotenen Finanzierungen – stets dem gleichen Risiko ausgesetzt sehen, nämlich dem Ausfall des Kredites, der Forderung oder des Schuldners. Diesem Risiko können die verschiedenen Institute auf unterschiedlichen Wegen begegnen. Unternehmen können und sollten bei bestehender Ertragslage und bestehendem Finanzierungsmix idealerweise zwischen verschiedenen komplementären Finanzierungsmitteln wählen. Die Kompatibilität dieser Finanzierungen ermöglicht Häusern ideale Entwicklungsmöglichkeiten und Effizienznutzungspotenziale.

Finanzierungsmodelle
Bei der Vergabe von Krediten sind Banken zunehmend restriktiv. Das liegt nicht am Unwillen der Geldhäuser, sondern vielmehr an den regulatorischen Auflagen, Eigenmittel-Anforderungen und der Bonität des Kunden. Den Banken fällt es schlichtweg schwer, einen Kredit an ein unter Umständen wirtschaftlich schwaches Krankenhaus zu geben, wenn die Sicherheitenlage für die Absicherung des Kredites (beispielsweise aus Immobilien) nicht vorhanden ist oder bereits für andere Kredite genutzt wird.

Ähnlich gestaltet es sich bei Leasing-Lösungen. Der Leasinggeber bleibt Eigentümer des Leasinggutes und überlässt dieses dem Kranken haus durch die Zahlung eines monatlichen Entgeltes. Die Sicherheitensituation des Leasinggebers ist hier im Vergleich zur Sicherheitenlage der Bank wesentlich kommoder und unkomplizierter: Im Schadensfall (z.B.: das Haus kann die monatlichen Zahlungen nicht mehr leisten und/oder gerät in ein Insolvenzverfahren) erhält er das Leasinggut zurück und kann es anderweitig verwerten. Mit zunehmenden Leasingvolumen steigt aber das Klumpenrisiko des Leasinggebers.

Innovative Finanzierungsformen wie Crowdfunding haben sich bei der Finanzierung von Großunternehmen, zu denen Kliniken umsatzmäßig zumeist zählen, noch nicht etabliert. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, u.a. die Komplexität der Strukturierung, die Renditeerwartung der Investoren, regulatorische Anforderungen oder auch der administrative Aufwand. Es bleibt abzuwarten, ob sich Crowdfunding in Kliniken implementieren lässt. Sicher stellt es eine spannende Alternative zum klassischen Kredit dar.

Bei durchschnittlich 40 bis 60 Tagen zwischen Rechnungsstellung der Klinik und Zahlung durch die Krankenkassen und Kunden lohnt sich ein Blick in die Möglichkeiten der Krankenhausfinanzierung mittels des Forderungsvermögens, namentlich Factoring. Dies ist das einzige hier genannte Finanzierungsinstrument, das nicht auf die Bonität des Krankenhauses, sondern die des Krankenhauskunden abstellt. Nimmt man an, dass diese Kunden in großem Umfang gesetzliche Kassen sind, so zeigt sich eine hervorragende Ausgangssituation für Factoring. Dieses galt lange als Finanzierung für Unternehmen in der Krise, doch auch hier lohnt sich ein genaueres Hinsehen. Die Möglichkeiten der sehr kurzfristigen Implementierung, die unkomplizierte Administration (z.B. nur ein Datenaustausch pro Woche) und der vollständige Schutz der sensiblen Patientendaten sind nur drei Vorteile.

Fazit
Ab dem 1. Januar 2021 sind Krankenhäuser und Kliniken erneut einer enormen Finanzierungsaufgabe ausgesetzt. Sie müssen ihrem Versorgungsauftrag auch langfristig stabil und innovativ gerecht werden. Um dies von der finanzwirtschaftlichen Seite aus sicherzustellen, lohnt sich ein Blick auf die komplementären Finanzierungsinstrumente. So gelingt der Spagat zwischen regulatorischen Anforderungen der Institute und den Möglichkeiten der Healthcare Einrichtung.
Der Gesundheitsauftrag darf nicht unter Restriktionen in der Refinanzierung leiden, der Investitionszwang und die medizinische Innovation nicht aufgrund mangelnder monetärer Ressourcen zurückstehen.

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Dirk Mennewisch Mennewisch & Co. GmbH

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